Tea with the dames

Sonntag, 24.11.2019 – Matinée
Weder ist der Film ein reiner Dokumentarfilm über ein britisches Kaffeekränzchen mit vier Damen im Alter von 85 Jahren aufwärts, noch wird wirklich Tee getrunken. Allein der Titel „Dame, Commander of the British Empire“ wurde allen vier Damen von der Queen für ihre schauspielerischen Leistungen verliehen. Eileen Atkins, Judi Dench, Joan Plowright und Maggie Smith verbinden eine langjährige Freundschaft. Seit 50 Jahren treffen sich die großen Schauspielerikonen zum Tee und tauschen ihre Erfahrungen, Erinnerungen über ihr Leben auf der Bühne und im Film (James Bond, Downton Abbey, Harry Potter) und ihre Arbeitskollegen und Ehemänner (Sir Laurence Oliver) aus. Mit viel Altersweisheit, Biss und Witz geben sie Anekdoten aus ihrem Leben preis und plaudern ungezwungen aus dem Nähkästchen. Der Regisseur Roger Michell hat ihren Charm und trockenen Humor wundervoll eingefangen. Amüsant und kurzweilig und very british.

Parasite

Donnerstag, 05.12.2019 bis Mittwoch, 11.12.19, täglich um 19:30 Uhr
Der südkoreanische Regisseur Joon ho Bong bedient sich auch in seinem neuesten Film unterschiedlicher Genres um gesellschaftliche Missstände anzuprangern. Zunächst beginnt der Film wie ein Sozialdrama. Die Familie Ki lebt in prekären Verhältnissen in einer kleinen Wohnung im schimmeligen Tiefparterre. Sie halten sich mit dem Falten von Pizzakartons über Wasser, bis der Sohn Ki-Woo von einem Freund einen Job als Nachhilfelehrer bei der reichen Familie Park angeboten bekommt. Das ist der Beginn der Beziehung der Familien, denn bald macht sich die Familie Ki unentbehrlich. Der Vater chauffiert die Familie Park, die Mutter schmeißt den Haushalt und die Schwester kümmert sich um das Kind der Parks. Doch wer sind hier die Parasiten? Mit viel schwarzem Humor und Tempo entwickelt sich der Film immer mehr zum Thriller und zur Tragikomödie, die zunehmend ins Absurde abdriftet. Mit grandiosen Bildern schlägt der Film noch so manche Volten. „Am Ende sind Bongs Filme immer eins: Messerscharfe, genau beobachtete Satiren“. In Cannes bekam er dieses Jahr die Goldene Palme für seinen Film.

Bait

Sonntag, 15.12.2019, Matinée
Der britische Regisseur Mark Jenkin nutzt in seinem Debütfilm die Formensprache des frühen Tonfilms. Fast archaisch in grandiosen Schwarz-Weißbildern thematisiert er die Verdrängung der seefahrenden Arbeiterklasse in den Küstendörfern. Cornwall verspricht nur auf den ersten Blick die vollkommene Idylle. Die Brüder Steve und Martin können nicht mehr von der Fischerei leben und haben ihr Cottage längst an wohlhabende Engländer verkauft. Während Touristen den Ort überschwemmen, fristet Martin ein trostloses Dasein als Fischer ohne Boot. Sein Bruder bietet damit Ausflugsfahrten an und es dauert nicht lange bis die Lage eskaliert. Die Städter wollen eine ruhige Dorfidylle ohne Fischer, die Fischer Arbeit und ein Auskommen. Doch Geld regiert die Welt und Mark Jenkin bezieht klar Stellung. Seine Solidarität zeigt sich in subtilen und realistischen Bildern mit einer ganz eigenen Ästhetik.

Ein Licht zwischen den Wolken

Start Donnerstag, 09.01.2020
Der Hirte Besnik lebt mit seiner Familie in den albanischen Bergen. Als Moslem geht er zum Beten in die kleine alte Moschee. Dort entdeckt er unter dem Putz eine christliche Heiligenabbildung. Wie sich herausstellt wurde die Kirche bis 1450 von Christen genutzt, danach zeitweise sogar von beiden Konfessionen – undenkbar für das heutige Dorf. Besnik weiß um die verschiedenen Empfindungen und Verletzlichkeiten, da er täglich mit Schwierigkeiten einer religiösen Patchwork-Familie lebt. Die verstorbene Mutter praktizierte heimlich ihren Katholizismus, der pflegebedürftige Vater ist glühender Kommunist und die Schwester Muslima. Zu guter Letzt nimmt sein Bruder den orthodoxen Glauben an, um in Griechenland bessere Arbeitschancen zu haben. Doch alle kümmern sich um Besnik mit seinen psychischen Problemen. Und so ist er es, der dank seiner Erfahrungen, eine gewisse Autorität im Dorf besitzt. Der Film ist eine gelungene Parabel auf ein multireligiöses Zusammenleben mit allen Schwierigkeiten des Miteinanders. Ein aufrüttelnder und berührender Film mit wunderschönen Bildern der albanischen Berglandschaft.

Gelobt sei Gott

Sonntag, 19.01.2020, Matinée
Der gut situierte fünffache Familienvater Alexander lebt in Lyon, als er zufällig erfährt, dass der Priester von dem er 3 Jahre lang missbraucht wurde, immer noch mit Kindern arbeitet. Obgleich die Taten schon verjährt sind, gründet Alexander mit zwei weiteren Opfern, dem Atheisten François und dem Rocker Emmanuel, einen Verein „La Parole Libérée“ – das befreite Wort, um gegen das Schweigen an zu gehen und weiteren Opfern zu helfen. Gut recherchiert und ohne großes Pathos zeigt der Film, wie drei ganz unterschiedliche Menschen mit ihren Traumata umgehen; wie unterschiedlich die Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Familien sind; wie schwierig das Outing als Missbrauchsopfer ist und wie wenig selbstverständlich der Umgang damit ist. Umso wichtiger wird ihr gemeinsamer Widerstand gegen die katholische Kirche, die sich scheut, Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu ziehen. Der französische Starregisseur Francois Ozon (8 Frauen; Jung & Schön) hat hier, für ihn eher untypisch, ein nüchternes und dennoch mitreißendes Drama geschaffen. Auf der Berlinale erhielt er dafür den Silbernen Bären.

Lara

Start Donnerstag, 06.02.2020
Nach seinem Erfolg (Oh, Boy) ist nun nach langer Zeit endlich der zweite Film von Jan-Ole Gerster erschienen. Er schildert anhand von einigen Episoden den sechzigsten Geburtstag von Lara, die nach einer Krankheit frühzeitig in den Ruhestand versetzt wurde. Von ihrem Mann lebt sie seit längerem getrennt, als Chefin war sie verhasst und ihr Sohn (Tom Schilling – Oh Boy) ist ausgezogen. Zu seinem großen Konzert mit eigenen Klavierkompositionen ist sie nicht eingeladen. Undiskutabel für die ehrgeizige Mutter, die selbst als Pianistin nicht punkten konnte. Kurzerhand kauft sie alle Restkarten und verschenkt sie an Verwandte und Bekannte. Doch das ist nicht ihr einziger Kampf an diesem Tag. Grandios wie Corinne Harfouche diese unbarmherzige, teils egozentrische, teils autistische, wenig sympathische Frau spielt. Jan-Ole Gerster gelingt es mit absurder Komik und zarter Melancholie ein geheimnisvolles Bild zu zeichnen. Atmosphärische und spannend bis zum Schluss

Wajib

Sonntag, 16.02.2020, Matinée
„Wajib“ bedeutet so viel wie „Soziale Pflicht“ und dementsprechend gilt es nach palästinensischer Sitte als respektlos, wenn die Einladungen zu einer Hochzeit nicht persönlich durch die Männer der Familie überbracht werden. Daher reist der Architekt Shadi, der seit langem in Rom lebt, in seine Geburtsstadt Nazareth, denn seine Schwester heiratet. Zusammen mit seinem Vater Abu begibt er sich in einem klapprigen Volvo auf die Fahrt um 300 Einladungen an Verwandte und Freunde zu überbringen. Der Vater ist enttäuscht, dass der Sohn ins Exil gegangen ist, während der Sohn die Toleranz seines Vaters gegenüber den Israelis nicht akzeptiert. Fast kammerspielartig folgt die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir den Streitgesprächen von Vater und Sohn im Auto. Dabei werden die unterschiedlichen Standpunkte deutlich, die mit den Besuchen der Verwandten und Bekannten entsprechend mal die eine mal die andere Seite vertreten. Eindrucksvoll schildert Jacir die verschiedenen Lebensumstände und familiäre Konflikte. Nie jedoch bezieht sie Stellung. Am Ende kann und muss sich eben jeder selbst ein Bild machen.