Certain Women

certain-women-2016-filmplakat-rcm150x212Start 03.08.2017
Der neueste Film der Regisseurin Kelly Reichardt ist nicht nur eine poetische Liebeserklärung an die amerikanische Landschaft. Ihrem Film liegen 3 Episoden aus der Kurzgeschichtensammlung  von Maile Meloys zugrunde. Es sind die Geschichten von drei ganz unterschiedlichen Frauen die lose miteinander verbunden sind und alle in Montana spielen. Da ist die souveräne Anwältin (Laura Dern), die sich in einem Geiseldrama, das von einem ihrer Klienten verursacht ist, durch Abgeklärtheit und Mitgefühl dazu verleiten lässt sich als Austauschgeisel zur Verfügung zu stellen.  Da ist die taffe Managerin (Michelle Williams), die ihren Nachbarn zu überreden versucht ihr doch die originalen Sandziegel für das eigene „authentisches“ Hausprojekt zu überlassen, obgleich die Familie am Zerbrechen ist. Und schließlich ist da eine junge unsichere Jurastudentin (Kristen Stewart), die einen Lehrerkurs gibt und in die sich die junge Pferdepflegerin (Lily Gladstone) verliebt.  Grandios lässt Kelly Reichardt in kleinen Details die alltäglichen  ambivalenten Gefühle und faulen Kompromisse des Alltags durchscheinen. Nicht ohne einen trocken Humor schildert sie unausgesprochene Emotionen,  verschwundene  Hoffnungen und zukünftige Träume. Präzise und undramatisch und einfach erhellend.

Die andere Seite der Hoffnung

die-andere-seite-der-hoffnung-2017-filmplakat-rcm150x212Start 06.07.2017
Gleich zu Anfang kreuzen sich die Wege von Kahled und Wikström das erste Mal. Der Syrer Kahled (Sherwan Haji)  ist als blinder Passagier auf einem Schiff  endlich in Helsinki gelandet. Er beantragt mustergültig bei der Polizei Asyl und hofft nicht unbedingt auf ein luxuriöses Leben jedoch auf ein Leben in Frieden. Wikström (Sakari Kuosmanen) dagegen ist um die 50 und beschließt sein Leben  grundlegend zu ändern. Er verlässt seine Frau und quittiert seinen Job als Oberhemdenverkäufer. Stattdessen kauft er ein Restaurant und versucht u.a. auch mit Hilfe von Kahled daraus ein erfolgreiches Unternehmen zu machen. Nichts wird verschwiegen weder die Hürden der finnischen Bürokratie noch ihre politischen Fehleinschätzungen noch die Neonazis, die Jagd auf Ausländer machen, noch die Tristess einer überlebten Ehe  und dennoch ist „ Die andere Seite der Hoffnung „ ein Märchen. Mit den für Kaurismäki typisch statischen Bildern, dem lakonischen Humor und den schweigsamen Außenseitern werden die Widrigkeiten des Alltags zur surrealen Parodie. Ein erstaunlich beschwingter Film mit meisterhaft komponierten Miniaturszenen voller Melancholie und  eben ein wahrer Kaurismäki

Der Himmel wird warten

der-himmel-wird-warten-2016-filmplakat-rcm150x212Start 01.06.2017
Die Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar erzählt in ihrem sehr gut recherchierten Film die fiktiven Geschichten zweier Mädchen, die auf Facebook und Skype von Islamisten umgarnt werden und sich dem radikalen Islam anschließen. Die Rahmenhandlung des Films bilden die Gruppensitzungen der Eltern bei der Deradikalisierungs-Expertin Dounia Bouzar, die sich im Film  selbst spielt. In Rückblenden wird  die Radikalisierung der beiden ganz unterschiedlichen Mädchen geschildert. Mélanie (Naomi Amarger)und ihre Mutter Sylvie (Clotilde Courau) haben ein enges Verhältnis zu einander, bis die Großmutter verstirbt und Melanie im Internet einen Jungen kennen lernt. Er ist verständnisvoll, findet tröstende Worte und sinniert mit ihr über den Sinn des Lebens, bis sie konvertiert und nach Syrien geht, um sich als Terroristin ausbilden zu lassen. Auch die 17 jährige Sonia (Noémie Merlant) versucht in den Osten zu gelangen, bis eines Tages das Haus gestürmt wird und sie mit Terrorverdacht festgenommen wird. Ihre ahnungslosen Eltern (Sandrine Bonnai, Zinedine Soualem) sind erschüttert, wie Sonia einen Anschlag planen konnte, um einen „Platz im Paradies“ für ihre Familie zu sichern. Was bringt Teenager dazu sich zu radikalisieren? Lässt sich eine solche Entscheidung verhindern ? Gibt es einen Weg zurück? Und wie kann die Familie damit umgehen? Der Film beschönigt nichts und zeigt die Rekrutierungsstrategien und die Folgen für die Betroffenen und Angehörigen  erschreckend aktuell.

The Happy Film

the-happy-film-2016Matinée, Sonntag 23.04.2017, 11 Uhr
Was macht glücklich? Kann man seine Persönlichkeit umgestalten und ein besserer Mensch werden? Kann man durch Übung lernen, glücklich zu sein? Das sind Fragen mit denen sich der österreichische Grafikdesigner Stefan Sagmeister beschäftigt. Sagmeister, der sehr erfolgreich Plattencover für unzählige Bands von den Rolling Stones über Lou Reed bis Aerosmith gestaltete, plante zunächst 18 Monate lang sich auf die Reise nach dem Glück zu machen. Als Grundidee dienen ihm die drei Wege, die der Psychologe Jonathan Haidt in seinem Buch „The Happiness Hyphothesis“ vertritt: Meditation, Therapie und Drogen. Jeweils drei Monate lang probiert Sagmeister die drei Methoden aus, meditiert in Indonesien, besucht in New York eine Psychiaterin und probiert die Wirkung von antidepressiven Medikamenten aus. Seine Herangehensweise ist nicht systematisch noch wissenschaftlich. Vielmehr setzt er seine subjektive Suche nach dem Glück eigenwillig und medienwirksam in Szene. Und immer wieder kommt ihm das Leben in die Quere.“ Dieser Film führt zu Anfällen von Einsicht, Empathie und purem Vergnügen.“ (Wired)

Manchester by the sea

manchester-by-the-sea-2016Start 04.05.2017
Lee Chandler (Casey Affleck) haust in einem kleinen Kellerapartment in Boston und verdient seinen Unterhalt als Hausmeister. Verschlossen und introvertiert pflegt er auch keinerlei soziale Kontakte. Als er jedoch vom plötzlichen Tod seines Bruders erfährt, kehrt er in die gemeinsame Heimatstadt Manchester zurück. Dort erfährt er mit großem Erstaunen und einer gewissen Hilflosigkeit, dass sein Bruder ihn zum Vormund seines 16jährigen Sohnes Patrick (Lucas Hedges) ernannt hat. Für Patrick, der 2 Freundinnen hat und in einer Band spielt, kommt es gar nicht in Frage Manchester zu verlassen. Im Gegensatz zu seinem Onkel ist er gut sozial vernetzt. In beiläufig eingefügten Rückblenden und Erinnerungen erfährt der Zuschauer die Hintergründe für die Abgestumpftheit von Lee. Wie jedoch der Regisseur Kenneth Lonergan dies macht, ist grandios. Mit seiner subtilen Beobachtung gelingt ihm die Gratwanderung von tragischen aber auch humorvollen Momenten. Nichts wirkt aufgesetzt oder manieristisch und dennoch zeigt er eine Komplexität und Vielfalt  menschlicher Emotionen, in ihrer Beiläufigkeit sehr außergewöhnlich.