Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

492437Der schwedische Regisseur Roy Andersson zeigt in seinem Film 39 wahrhaft skurrile Szenen, in die die beiden glücklosen Scherzartikelverkäufer Sam und Jonathan geraten. Mit ihren Vampirzähnen, Lachsäcken und Monstermasken wollen sie den ernüchternden Alltag auflockern und haben doch selbst nicht viel zu lachen. Der Film zeigt keine stringente Geschichte. Manchmal offenbart sich die Schönheit eines einzigen Augenblickes, manchmal ist es die Trivialität alltäglicher Szenen, manchmal die Verlorenheit und Sehnsucht der menschlichen Seele. Andersson zeigt die Szenen in langen Einstellungen und lässt dem Zuschauer Zeit, ähnlich wie bei einem Gemälde, auf einen zweiten intensiven Blick die Bedeutungen der Begebenheiten selbst zu erkunden. Trotz der langen Einstellungen ist der Film nie langatmig, denn immer wieder gelangt der Zuschauer zu ungewohnten Sichtweisen und nichts bleibt wie es scheint. Das ist das Großartige.
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Selma

selma-movie-posterDie afroamerikanische Regisseurin schildert in ihrem Film die entscheidende Episode der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Obgleich formal die Gleichberechtigung auch für Afroamerikaner gilt, sind Schwarze in den Südstaaten noch täglich Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt. In der Kleinstadt Selma formiert sich 1965 ein gewaltloser Widerstand. Doch der erste Marsch von Selma nach Montgomery geht als „Bloody Sunday“ in die US-amerikanische Geschichte ein, da der weiße, rassenfanatische Gouverneur George Wallace die friedlichen Aktivisten brutal nieder prügeln lässt. Als Martin Luther King, der zuvor den Friedensnobelpreis erhalten hat, sich unter lebensbedrohlichen Umständen und großer medialer Beachtung am zweiten Protestmarsch nach Montgomery beteiligt, wird eine breite Öffentlichkeit aufgerüttelt. Am Ende wird der amerikanische Präsident Lyndon Johnson mit der Verkündung des Voting Rights Act einlenken. Mit einer beeindruckenden Intensität zeigt der Film das lebensbedrohliche Engagement hunderter Afroamerikaner, die am Ende des Marsches nicht wissen, ob sie ihr Leben lassen müssen. Wie die Toten von Ferguson, Cleveland und Brooklyn heute zeigen, hat das leidenschaftliche Statement für zivilen Ungehorsam und Menschlichkeit fünfzig Jahre später noch keineswegs an Aktualität verloren.

Every thing will be fine

b148x210Als der Schriftsteller Tomas bei schlechter Sicht unterwegs ist, saust plötzlich ein Schlitten mit Kind unters Auto. Als er den Jungen unversehrt zuhause abliefert, wird klar, dass sein kleiner Bruder Nicholas vermisst wird und tot ist. Der Schock sitzt tief und verändert das Leben aller Beteiligten. Tomas und seine Freundin trennen sich. Er durchlebt eine Krise, bevor er mit Ann und ihrer Tochter eine Familie gründet, ein erfolgreicher Schriftsteller wird. Die Frage der Schuld begleitet ihn dennoch über Jahre. Kate, die Mutter von Nicholas, zieht sich immer mehr zurück, auch sie fühlt eine Mitschuld am Tod ihres Sohnes. Nicholas Bruder sucht Jahre später die Auseinandersetzung mit Tomas. Auch sein Leben wurde von dem Unfall geprägt. „Every thing will be fine“ erzählt von der Frage der Schuld, der Suche nach Vergebung und letztendlich dem Mut sich den Ereignissen zu stellen, sich selbst zu verzeihen. Ein zutiefst menschlicher Film.

Foxcatcher

411371Der reiche Unternehmer John du Pont möchte sich zum Mentor des amerikanischen Ringersports machen. Dazu engagiert er den mehrfachen Goldmedaillenträger Mark Schultz und bald schon feiert das Team „Foxcatcher“ Erfolge. Als später noch sein Bruder Dave Schultz zur Verstärkung des Teams hinzukommt, entsteht eine unheilvolle Dynamik zwischen dem hochneurotischen Mäzen und den beiden Brüdern. Immer mehr entwickelt sich der Sportfilm zu einem melodramatischen Thriller, bei dem es um die unerwiderte Liebe des Multimillionärs zu seiner Mutter und latente homoerotische Beziehungen geht. Vordergründig schildert der Film während des Kalten Krieges den Wettlauf der Amerikaner mit den Sowjets um die meisten Medaillen im Sport, doch im weitesten Sinne ist der Film eine Metapher auf den amerikanischen Traum und die Sucht nach Anerkennung. Letztes Jahr wurde Foxcatcher, der auf einer wahren Begebenheit beruht, für die Regiearbeit von Bennett Miller auf dem Filmfest in Cannes ausgezeichnet.

Start: 06. August 2015

 

The Green Prince

green prince„Green Prince“ ist der Codename von Mosab Hassan Yousef. Über zehn Jahre spionierte er für den israelischen Geheimdienst die Hamas aus, die sein Vater, Scheich Hassan Yousef, mit begründete. Mosab war es auch, der seinen Vater ins Gefängnis brachte, zunächst um ihn vor Anschlägen zu schützen. 1996 wird der damals 18 jährige Mosab vom israelischen Geheimdienst verhaftet und von dem Führungsoffizier Gonen Ben Itzhak, angeworben. Zunächst hofft er, als Doppelagent Informationen für die Hamas zu liefern, wird jedoch durch die brutale Folterung der eigenen (Hamas-)Mitglieder abgeschreckt. So entsteht eine ungewöhnliche Partnerschaft zwischen beiden, für die Gonen auch seine Karriere aufs Spiel setzt, um Mosab zu retten. Die beiden Männer werden Freunde, auch um den Preis ihre angestammten Kreise verlassen zu müssen. Der israelische Dokumentarfilmer Nadav Schirman hat die Interviews mit Nachrichtenmaterial und Privataufnahmen spannend aufbereitet. Der Film wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Matinée am 19. April 2015 um 11.00

Timbuktu

timbuktuKeine Musik, keine Zigaretten, kein Fußball, kein außerehelicher Sex, der mit Steinigung bedroht wird. Das ist der Alltag in Timbuktu, einer Stadt am Rande der Sahara, als 2012 Islamisten versuchten, in Mali die Herrschaft zu erlangen. Die Härte und Gewalt, die langsam in den Alltag einziehen, werden von Anfang an nicht ausgespart. Dennoch entlarvt der Film mit seinem distanziert lakonischen Blick die Unfähigkeit der Islamisten. Kleinlaut müssen sie von dannen ziehen, als der Imam sie davon abhält, mit Waffen und Schuhen das Haus Gottes zu betreten. Die Zerstörung der ehemals friedlichen Ordnung durch fanatische Ideologen wird am Schicksal von Kidane gezeigt, der mit seiner Familie in den Dünen nahe Timbuktus lebt. Als er unglückseliger Weise einen Fischer tödlich verletzt, wird er verurteilt. „Timbuktu“ vermittelt dem Zuschauer das Lebensgefühl einer anderen Kultur: ruhig, geradezu verlangsamt, unprätentiös, stellenweise humorvoll, mit märchenhaft wunderschönen Landschaftsbildern. Ein einzigartiges Plädoyer für Würde, Widerstand und Toleranz. Der Film ist für den besten ausländischen Film nominiert.

Ab Donnerstag, den 09.04.15 bis einschließlich Mittwoch, den 15.04.15, täglich um 19:45 Uhr.