Der Staat gegen Fritz Bauer

147277_poster_gross_2001958 bekommt der Staatsanwalt Fritz Bauer (Burghart Klaussner) den Hinweis, dass Adolf Eichmann in Buenos Aires lebt und plant, ihn vor Gericht zu bringen. Doch die deutschen Behörden sind noch mit Altnazis durchsetzt und die Sabotage der Ermittlungen ist gewiss. Daher sucht er Hilfe bei dem loyalen jungen Staatsanwalt Angermann (Ronald Zehrfeld), um Eichmann vom Mossad entführen zu lassen, was letztlich einem Landesverrat gleich kommt. Mit der fiktiven Figur des schwulen Karl Angermann gelingt es dem Regisseur Lars Kraume, sehr plastisch die Repressionen des Adenauer- Deutschlands vor Augen zu führen. Die scharfsinnigen Dialoge und die detaillierten Charaktere machen aus dem deutschen Zeitgeschehen einen ungemein spannenden und in seiner altmodischen Eleganz äußerst gelungenen Thriller. „Ich möchte eigentlich wünschen“, sagt Bauer, „dass junge Menschen heute vielleicht denselben Traum von Recht besäßen, den ich einmal hatte und dass sie das Gefühl haben, dass das Leben einen Sinn hat, wenn man für Freiheit, Recht und Brüderlichkeit eintritt.“

Giovanni Segantini – Magie des Lichts

Giovanni_Segantini_-_Magie_des_Lichts_-_PosterDer Schweizer Regisseur Christian Labhart hat auf eine neue, faszinierende Weise dem „ Alpenmaler“ Giovanni Segantini (1858 – 1899) ein Denkmal gesetzt. Anhand seiner Gemälde, alten Fotos von Tirol und Mailand sowie heutigen Landschaftsaufnahmen wird sein kurzes, äußerst bewegtes Leben skizziert. Es reicht von seiner schweren Kindheit in Tirol, dem Tod der Mutter, des Daseins als Straßenjunge in Mailand, bis zum Künstler und Visionär im Engadin. Dafür nutzt der Regisseur die Möglichkeiten einer sehr assoziativen Bildabfolge, die fast ausschließlich von Kommentaren aus den autobiographischen Aufzeichnungen Segantinis unterstütz werden. Bruno Ganz liest sie mit seiner unverwechselbaren Stimme. Dazu setzt Christian Labhart kongeniale Musik ein, die den Pathos mancher verklärten Alpenlandschaften, aber auch die Abgründe des kurzen und vielfältigen Lebens Segantinis erfahrbar macht. Der Zuschauer entdeckt in Segantini den Naturmystiker und visionären Lichtzauberer. Ein Künstlerporträt, das den kreativen Impulsen eindrucksvoll nachspürt.

Mia Madre

mia-madre_aIm Mittelpunkt von Nanni Morettis neuestem Film steht die Filmregisseurin Margherita (Margherita Buy), die gerade einen Film über einen langweiligen Arbeitskampf in einer Fabrik dreht, als ihre Mutter (Giulia Lazzarini) schwer erkrankt. Lange kann sich Margherita deren bevorstehenden Tod nicht eingestehen. Die alltäglichen Auseinandersetzungen am Filmset, mit ihrer pubertierenden Tochter, dem ehemaligen Liebhaber, fordern ihre Aufmerksamkeit. Margherita gerät in eine Sinnkrise und ihre Selbstzweifel werden noch durch den Bruder (Nanni Moretti) verstärkt, der die Mutter vorbildlich mit selbst zubereiteten Mahlzeiten versorgt. Geschickt verwebt Moretti Szenen des langen Abschiednehmens mit Erinnerungen, Träumen und Szenen am Filmset, so dass ein vielschichtiges Bild von Margheritas emotionaler Zerrissenheit entsteht. Dies ist ein beeindruckend poetischer und dichter Film, der wieder auf außergewöhnliche Weise mit Musik von Arvo Pärt bis Frank Sinatra untermalt ist.

Taxi Teheran

Taxi_Poster_A1_WK.inddSeit fünf Jahren hat der bekannte iranische Regisseur Jafar Panahi Berufsverbot. Dennoch ist es ihm gelungen, seinen neuesten Film auf die Berlinale zu schmuggeln, wo er mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. In seinem dritten Film fährt  Panahi „Taxi“ und zeigt den Alltag in Teheran realistisch und zugleich subversiv. Seine Fahrgäste sind u.a. ein illegaler DVD Händler, der neue Verkaufsallianzen schmieden will; eine  Anwältin, die vom Besuch einer Mandantin im Gefängnis berichtet; ein Mädchen (Panahis Nichte), die von den absurden Zensurvorschriften für einen Schulfilm erzählt, zwei Frauen, die die nächste heilige Quelle für ihren Goldfisch suchen … Mit spielerischer Leichtigkeit und Souveränität wird in diesem Road Movie die heutige iranische Gesellschaft mit ihren Widersprüchen geschildert. Wie der Berlinale Präsident Aaronofsky es formulierte, ist der Film „ein Liebesbrief an das Kino und sein Publikum“.

Learning to Drive

Learning_to_Drive_-_PlakatNach 21 Ehejahren wird  Wendy, attraktiv, cool, blond, Literaturkritikerin in New York von ihrem Mann verlassen während einer Taxifahrt. Der Taxifahrer Darwan, ein Sikh mit Turban, im zweiten Beruf Fahrlehrer, erträgt die Szene stoisch. Da Wendy in seinem Taxi etwas hat liegenlassen, kommt es zu einem Wiedersehen. Wendy – bisher fahruntauglich – beschließt ihr Leben zu ändern und beginnt Fahrstunden bei Darwan zu nehmen. Zwei unterschiedliche Lebensrealitäten prallen aufeinander: Darwan, der Migrant, der Razzien ausgesetzt ist und sich mit zwei Berufen über Wasser hält, trifft  auf die unachtsame, abgesicherte Mittelschicht – Workaholikerin. Nur in den Fahrstunden erhalten die beiden flüchtige  Einblicke in die Welt des Anderen. Diese Momente sind nie von langer Dauer, dennoch intensiv und immer mehr von einer wechselseitigen Zuneigung bestimmt. Sie verändern die jeweiligen Sichtweisen auf das Leben (nicht nur das eigene) nachhaltig. Mit Ben Kingsley und Patricia Clarkson in den Hauptrollen ist „Learning to drive“ hervorragend besetzt. Einfach, nachdenklich, entspannt und sehr ermutigend.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

492437Der schwedische Regisseur Roy Andersson zeigt in seinem Film 39 wahrhaft skurrile Szenen, in die die beiden glücklosen Scherzartikelverkäufer Sam und Jonathan geraten. Mit ihren Vampirzähnen, Lachsäcken und Monstermasken wollen sie den ernüchternden Alltag auflockern und haben doch selbst nicht viel zu lachen. Der Film zeigt keine stringente Geschichte. Manchmal offenbart sich die Schönheit eines einzigen Augenblickes, manchmal ist es die Trivialität alltäglicher Szenen, manchmal die Verlorenheit und Sehnsucht der menschlichen Seele. Andersson zeigt die Szenen in langen Einstellungen und lässt dem Zuschauer Zeit, ähnlich wie bei einem Gemälde, auf einen zweiten intensiven Blick die Bedeutungen der Begebenheiten selbst zu erkunden. Trotz der langen Einstellungen ist der Film nie langatmig, denn immer wieder gelangt der Zuschauer zu ungewohnten Sichtweisen und nichts bleibt wie es scheint. Das ist das Großartige.
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Selma

selma-movie-posterDie afroamerikanische Regisseurin schildert in ihrem Film die entscheidende Episode der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Obgleich formal die Gleichberechtigung auch für Afroamerikaner gilt, sind Schwarze in den Südstaaten noch täglich Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt. In der Kleinstadt Selma formiert sich 1965 ein gewaltloser Widerstand. Doch der erste Marsch von Selma nach Montgomery geht als „Bloody Sunday“ in die US-amerikanische Geschichte ein, da der weiße, rassenfanatische Gouverneur George Wallace die friedlichen Aktivisten brutal nieder prügeln lässt. Als Martin Luther King, der zuvor den Friedensnobelpreis erhalten hat, sich unter lebensbedrohlichen Umständen und großer medialer Beachtung am zweiten Protestmarsch nach Montgomery beteiligt, wird eine breite Öffentlichkeit aufgerüttelt. Am Ende wird der amerikanische Präsident Lyndon Johnson mit der Verkündung des Voting Rights Act einlenken. Mit einer beeindruckenden Intensität zeigt der Film das lebensbedrohliche Engagement hunderter Afroamerikaner, die am Ende des Marsches nicht wissen, ob sie ihr Leben lassen müssen. Wie die Toten von Ferguson, Cleveland und Brooklyn heute zeigen, hat das leidenschaftliche Statement für zivilen Ungehorsam und Menschlichkeit fünfzig Jahre später noch keineswegs an Aktualität verloren.

Every thing will be fine

b148x210Als der Schriftsteller Tomas bei schlechter Sicht unterwegs ist, saust plötzlich ein Schlitten mit Kind unters Auto. Als er den Jungen unversehrt zuhause abliefert, wird klar, dass sein kleiner Bruder Nicholas vermisst wird und tot ist. Der Schock sitzt tief und verändert das Leben aller Beteiligten. Tomas und seine Freundin trennen sich. Er durchlebt eine Krise, bevor er mit Ann und ihrer Tochter eine Familie gründet, ein erfolgreicher Schriftsteller wird. Die Frage der Schuld begleitet ihn dennoch über Jahre. Kate, die Mutter von Nicholas, zieht sich immer mehr zurück, auch sie fühlt eine Mitschuld am Tod ihres Sohnes. Nicholas Bruder sucht Jahre später die Auseinandersetzung mit Tomas. Auch sein Leben wurde von dem Unfall geprägt. „Every thing will be fine“ erzählt von der Frage der Schuld, der Suche nach Vergebung und letztendlich dem Mut sich den Ereignissen zu stellen, sich selbst zu verzeihen. Ein zutiefst menschlicher Film.

Foxcatcher

411371Der reiche Unternehmer John du Pont möchte sich zum Mentor des amerikanischen Ringersports machen. Dazu engagiert er den mehrfachen Goldmedaillenträger Mark Schultz und bald schon feiert das Team „Foxcatcher“ Erfolge. Als später noch sein Bruder Dave Schultz zur Verstärkung des Teams hinzukommt, entsteht eine unheilvolle Dynamik zwischen dem hochneurotischen Mäzen und den beiden Brüdern. Immer mehr entwickelt sich der Sportfilm zu einem melodramatischen Thriller, bei dem es um die unerwiderte Liebe des Multimillionärs zu seiner Mutter und latente homoerotische Beziehungen geht. Vordergründig schildert der Film während des Kalten Krieges den Wettlauf der Amerikaner mit den Sowjets um die meisten Medaillen im Sport, doch im weitesten Sinne ist der Film eine Metapher auf den amerikanischen Traum und die Sucht nach Anerkennung. Letztes Jahr wurde Foxcatcher, der auf einer wahren Begebenheit beruht, für die Regiearbeit von Bennett Miller auf dem Filmfest in Cannes ausgezeichnet.

Start: 06. August 2015

 

The Green Prince

green prince„Green Prince“ ist der Codename von Mosab Hassan Yousef. Über zehn Jahre spionierte er für den israelischen Geheimdienst die Hamas aus, die sein Vater, Scheich Hassan Yousef, mit begründete. Mosab war es auch, der seinen Vater ins Gefängnis brachte, zunächst um ihn vor Anschlägen zu schützen. 1996 wird der damals 18 jährige Mosab vom israelischen Geheimdienst verhaftet und von dem Führungsoffizier Gonen Ben Itzhak, angeworben. Zunächst hofft er, als Doppelagent Informationen für die Hamas zu liefern, wird jedoch durch die brutale Folterung der eigenen (Hamas-)Mitglieder abgeschreckt. So entsteht eine ungewöhnliche Partnerschaft zwischen beiden, für die Gonen auch seine Karriere aufs Spiel setzt, um Mosab zu retten. Die beiden Männer werden Freunde, auch um den Preis ihre angestammten Kreise verlassen zu müssen. Der israelische Dokumentarfilmer Nadav Schirman hat die Interviews mit Nachrichtenmaterial und Privataufnahmen spannend aufbereitet. Der Film wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Matinée am 19. April 2015 um 11.00