Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared

Musik ist allgegenwärtig, jederzeit verfügbar. Als ständiges Hintergrundrauschen verliert sie für uns ihre besondere Bedeutung. So empfindet es der ehemals sehr erfolgreiche Musiker Bill Drummond. Die Frage, wie es weitergehen kann nach einer Zeit totalen musikalischen Konsums, führte ihn auf einen gänzlich anderen, neuen Weg. Stefan Schwieterts Film ist eine heitere, anregende, einfache, überraschende Reise an den Nullpunkt der Musik. Niemand ist als 
 Reiseleiter geeigneter, als der von einem wachen Geist, Lie- be und Neugierde bewegte Bill Drummond.

17.00-18.30 Film
18.30-19.00 Diskussion

Der Sommer mit Mama

media-title-Der_S-71Die Haushälterin Val ist der hingebungsvolle, klaglose, gute Geist einer wohlhabenden Familie in Sao Paulo. Erst allmählich wird deutlich, dass Vals Opferbereitschaft ein Teil des Kampfes gegen ihre Lebenslüge ist. Vor zehn Jahren trennte sich Val im Streit von ihrem Mann und ließ ihre Tochter bei einer Freundin zurück. Die inzwischen erwachsene Tochter möchte in Sao Paulo studieren. Ebenso selbstverständlich wie überraschend quartiert sie sich bei ihrer Mutter ein. Eine sehr vergnüglich inszenierte Kettenreaktion kommt in Gang, der der Zuschauer gespannt folgt. Großes, kleines Kino mit hervorragender Besetzung.

Ewige Jugend

227567.jpg-r_160_240-b_1_D6D6D6-f_jpg-q_x-xxyxxDer neue Film von Sorrentino spielt im Schweizer Hotel Schatzalp, in dem einst Thomas Mann seinen ‚Zauberberg‘ schrieb. Hier verbringen zwei Freunde, ein berühmter Komponist (Michael Caine) und ein bekannter amerikanischer Regisseur (Harvey Keitel) einige Tage zusammen. Während der eine es kategorisch ablehnt, sein erfolgreiches Stück noch einmal für die Queen zu spielen, arbeitet der andere täglich mit einem jungen Team an seinem letzten Film, der sein Vermächtnis werden soll. Auf ihren gemeinsamen Spaziergängen philosophieren die beiden auch über die Zukunft. Doch was bedeutet Zukunft im Alter, ist es doch das Privileg der Jugend, dass ihr viele Möglichkeiten offenstehen? Sorrentinos opulente, sprühende Farce – nicht nur auf das Älterwerden – mit seinen grotesken Ideen und absurden Figuren (Jane Fonda als hysterische Diva) erinnert in vielem an Fellini. Ein famos fabulierender Geschichtenerzähler und ein absolut sehenswerter Film, nie moralisierend, nie sentimental.

Der Staat gegen Fritz Bauer

147277_poster_gross_2001958 bekommt der Staatsanwalt Fritz Bauer (Burghart Klaussner) den Hinweis, dass Adolf Eichmann in Buenos Aires lebt und plant, ihn vor Gericht zu bringen. Doch die deutschen Behörden sind noch mit Altnazis durchsetzt und die Sabotage der Ermittlungen ist gewiss. Daher sucht er Hilfe bei dem loyalen jungen Staatsanwalt Angermann (Ronald Zehrfeld), um Eichmann vom Mossad entführen zu lassen, was letztlich einem Landesverrat gleich kommt. Mit der fiktiven Figur des schwulen Karl Angermann gelingt es dem Regisseur Lars Kraume, sehr plastisch die Repressionen des Adenauer- Deutschlands vor Augen zu führen. Die scharfsinnigen Dialoge und die detaillierten Charaktere machen aus dem deutschen Zeitgeschehen einen ungemein spannenden und in seiner altmodischen Eleganz äußerst gelungenen Thriller. „Ich möchte eigentlich wünschen“, sagt Bauer, „dass junge Menschen heute vielleicht denselben Traum von Recht besäßen, den ich einmal hatte und dass sie das Gefühl haben, dass das Leben einen Sinn hat, wenn man für Freiheit, Recht und Brüderlichkeit eintritt.“

Giovanni Segantini – Magie des Lichts

Giovanni_Segantini_-_Magie_des_Lichts_-_PosterDer Schweizer Regisseur Christian Labhart hat auf eine neue, faszinierende Weise dem „ Alpenmaler“ Giovanni Segantini (1858 – 1899) ein Denkmal gesetzt. Anhand seiner Gemälde, alten Fotos von Tirol und Mailand sowie heutigen Landschaftsaufnahmen wird sein kurzes, äußerst bewegtes Leben skizziert. Es reicht von seiner schweren Kindheit in Tirol, dem Tod der Mutter, des Daseins als Straßenjunge in Mailand, bis zum Künstler und Visionär im Engadin. Dafür nutzt der Regisseur die Möglichkeiten einer sehr assoziativen Bildabfolge, die fast ausschließlich von Kommentaren aus den autobiographischen Aufzeichnungen Segantinis unterstütz werden. Bruno Ganz liest sie mit seiner unverwechselbaren Stimme. Dazu setzt Christian Labhart kongeniale Musik ein, die den Pathos mancher verklärten Alpenlandschaften, aber auch die Abgründe des kurzen und vielfältigen Lebens Segantinis erfahrbar macht. Der Zuschauer entdeckt in Segantini den Naturmystiker und visionären Lichtzauberer. Ein Künstlerporträt, das den kreativen Impulsen eindrucksvoll nachspürt.

Mia Madre

mia-madre_aIm Mittelpunkt von Nanni Morettis neuestem Film steht die Filmregisseurin Margherita (Margherita Buy), die gerade einen Film über einen langweiligen Arbeitskampf in einer Fabrik dreht, als ihre Mutter (Giulia Lazzarini) schwer erkrankt. Lange kann sich Margherita deren bevorstehenden Tod nicht eingestehen. Die alltäglichen Auseinandersetzungen am Filmset, mit ihrer pubertierenden Tochter, dem ehemaligen Liebhaber, fordern ihre Aufmerksamkeit. Margherita gerät in eine Sinnkrise und ihre Selbstzweifel werden noch durch den Bruder (Nanni Moretti) verstärkt, der die Mutter vorbildlich mit selbst zubereiteten Mahlzeiten versorgt. Geschickt verwebt Moretti Szenen des langen Abschiednehmens mit Erinnerungen, Träumen und Szenen am Filmset, so dass ein vielschichtiges Bild von Margheritas emotionaler Zerrissenheit entsteht. Dies ist ein beeindruckend poetischer und dichter Film, der wieder auf außergewöhnliche Weise mit Musik von Arvo Pärt bis Frank Sinatra untermalt ist.

Taxi Teheran

Taxi_Poster_A1_WK.inddSeit fünf Jahren hat der bekannte iranische Regisseur Jafar Panahi Berufsverbot. Dennoch ist es ihm gelungen, seinen neuesten Film auf die Berlinale zu schmuggeln, wo er mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. In seinem dritten Film fährt  Panahi „Taxi“ und zeigt den Alltag in Teheran realistisch und zugleich subversiv. Seine Fahrgäste sind u.a. ein illegaler DVD Händler, der neue Verkaufsallianzen schmieden will; eine  Anwältin, die vom Besuch einer Mandantin im Gefängnis berichtet; ein Mädchen (Panahis Nichte), die von den absurden Zensurvorschriften für einen Schulfilm erzählt, zwei Frauen, die die nächste heilige Quelle für ihren Goldfisch suchen … Mit spielerischer Leichtigkeit und Souveränität wird in diesem Road Movie die heutige iranische Gesellschaft mit ihren Widersprüchen geschildert. Wie der Berlinale Präsident Aaronofsky es formulierte, ist der Film „ein Liebesbrief an das Kino und sein Publikum“.

Learning to Drive

Learning_to_Drive_-_PlakatNach 21 Ehejahren wird  Wendy, attraktiv, cool, blond, Literaturkritikerin in New York von ihrem Mann verlassen während einer Taxifahrt. Der Taxifahrer Darwan, ein Sikh mit Turban, im zweiten Beruf Fahrlehrer, erträgt die Szene stoisch. Da Wendy in seinem Taxi etwas hat liegenlassen, kommt es zu einem Wiedersehen. Wendy – bisher fahruntauglich – beschließt ihr Leben zu ändern und beginnt Fahrstunden bei Darwan zu nehmen. Zwei unterschiedliche Lebensrealitäten prallen aufeinander: Darwan, der Migrant, der Razzien ausgesetzt ist und sich mit zwei Berufen über Wasser hält, trifft  auf die unachtsame, abgesicherte Mittelschicht – Workaholikerin. Nur in den Fahrstunden erhalten die beiden flüchtige  Einblicke in die Welt des Anderen. Diese Momente sind nie von langer Dauer, dennoch intensiv und immer mehr von einer wechselseitigen Zuneigung bestimmt. Sie verändern die jeweiligen Sichtweisen auf das Leben (nicht nur das eigene) nachhaltig. Mit Ben Kingsley und Patricia Clarkson in den Hauptrollen ist „Learning to drive“ hervorragend besetzt. Einfach, nachdenklich, entspannt und sehr ermutigend.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

492437Der schwedische Regisseur Roy Andersson zeigt in seinem Film 39 wahrhaft skurrile Szenen, in die die beiden glücklosen Scherzartikelverkäufer Sam und Jonathan geraten. Mit ihren Vampirzähnen, Lachsäcken und Monstermasken wollen sie den ernüchternden Alltag auflockern und haben doch selbst nicht viel zu lachen. Der Film zeigt keine stringente Geschichte. Manchmal offenbart sich die Schönheit eines einzigen Augenblickes, manchmal ist es die Trivialität alltäglicher Szenen, manchmal die Verlorenheit und Sehnsucht der menschlichen Seele. Andersson zeigt die Szenen in langen Einstellungen und lässt dem Zuschauer Zeit, ähnlich wie bei einem Gemälde, auf einen zweiten intensiven Blick die Bedeutungen der Begebenheiten selbst zu erkunden. Trotz der langen Einstellungen ist der Film nie langatmig, denn immer wieder gelangt der Zuschauer zu ungewohnten Sichtweisen und nichts bleibt wie es scheint. Das ist das Großartige.
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Selma

selma-movie-posterDie afroamerikanische Regisseurin schildert in ihrem Film die entscheidende Episode der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Obgleich formal die Gleichberechtigung auch für Afroamerikaner gilt, sind Schwarze in den Südstaaten noch täglich Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt. In der Kleinstadt Selma formiert sich 1965 ein gewaltloser Widerstand. Doch der erste Marsch von Selma nach Montgomery geht als „Bloody Sunday“ in die US-amerikanische Geschichte ein, da der weiße, rassenfanatische Gouverneur George Wallace die friedlichen Aktivisten brutal nieder prügeln lässt. Als Martin Luther King, der zuvor den Friedensnobelpreis erhalten hat, sich unter lebensbedrohlichen Umständen und großer medialer Beachtung am zweiten Protestmarsch nach Montgomery beteiligt, wird eine breite Öffentlichkeit aufgerüttelt. Am Ende wird der amerikanische Präsident Lyndon Johnson mit der Verkündung des Voting Rights Act einlenken. Mit einer beeindruckenden Intensität zeigt der Film das lebensbedrohliche Engagement hunderter Afroamerikaner, die am Ende des Marsches nicht wissen, ob sie ihr Leben lassen müssen. Wie die Toten von Ferguson, Cleveland und Brooklyn heute zeigen, hat das leidenschaftliche Statement für zivilen Ungehorsam und Menschlichkeit fünfzig Jahre später noch keineswegs an Aktualität verloren.