Queen and Slim

Start Donnerstag, 05.03.2020
Die schwarze Strafverteidigerin Queen (Jodie Turner-Smith) kann dem ersten Date mit dem Verkäufer Slim (Daniel Kaluuya) in einem Restaurant in Cleveland nicht viel abgewinnen. Als beide auf der Rückfahrt von zwei weißen Polizisten kontrolliert werden, kommt es zu einer Auseinandersetzung, bei dem ein Polizist stirbt. Die einzige Möglichkeit scheint die Flucht. Durch ein Video ist das Geschehen jedoch bald publik und bewegt die Öffentlichkeit. Sie erfahren auf ihrer Flucht viel Solidarität. Die beiden werden zu Ikonen des Widerstands gegen die allzu alltägliche Polizeigewalt in der USA, ähnlich wie es die Black Power Bewegung der 60er Jahren tat. Melina Matsoukas ist ein stilistisch brillant und emotional mitreißender, wichtiger Film über die aktuellen Verhältnisse in der USA gelungen. Ein bewegender Liebesfilm und politisches Road Movie mit großer Aktualität – auch zur Frage der Legitimität von Gewalt.

Die Wütenden – Les Misérables

Sonntag, 22.03.2020 – Matinée
Stephane, ein Polizist aus der Provinz hat sich nach Paris versetzten lassen. Er wird einer Sondereinheit zugeteilt, die in Montefermeil, einer in Beton gegossenen Sozialhölle, für Recht und Ordnung zu sorgen. Es ist eine der Pariser Banlieus, wo Kriminalität, Drogenhandel und Gewalt herrschen und Ausschreitungen an der Tagesordnung sind. Als Stephane bei seinem ersten Tag zusammen mit seinem cholerischen Kollegen Chris und dem pragmatischen Gwada sein neues Territorium besucht, offenbart sich ihm eine ganz andere Welt. Hier gelten andere Regeln. Ernüchternd nimmt er die Willkür der Polizei und die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen wahr. Der aus Mali stammende Regisseur Ladi Ly ist in Montefermeil aufgewachsen, dem Viertel indem Victor Hugos Roman Les Miserablés von 1862 spielt. Er kennt die Konflikte und Bewohner, die heute wie damals arm und wütend sind und aufbegehren.

Sorry we missed You

Start Donnerstag, 02.04.2020
Auch der neueste Film von Ken Loach ist wieder in der Arbeiterschaft des nordenglischen Newcastle angesiedelt. Ricky (Kris Hitchen) macht sich als Paketfahrer selbstständig als Teil eines Franchise Unternehmens, das ohne feste Arbeitszeiten nach Schnelligkeit der Lieferung und Schwierigkeit der Lieferroute bezahlt. Seine Frau Abbie verkauft ihr kleines Auto, auf das sie als ambulante Krankenschwester angewiesen ist, damit ihr Mann sich einen Lieferwagen für den neuen erfolgsversprechenden Jobs kaufen kann. Doch der Traum einer erfolgreichen Selbstständigkeit erweist sich als fatal. Denn das ständige Streben nach Gewinnmaximierung führt zu Einsparungen von Sozialstandards und Arbeitnehmerrechten, die jegliche Menschlichkeit außer Acht lassen. Wie gewohnt zeigt Ken Loach schonungslos das Schicksal der Arbeiterklasse hier am Beispiel eines Paketboten, das in seiner Universalität aufrüttelt.

Amazing Grace

Sonntag, 19.04.2020 – Matinée
„Amazing Grace“ ist das erfolgreichste Gospel-Album aller Zeiten. Die Soul Legende Aretha Franklin nahm das Album 1972 an zwei Abenden in Los Angeles auf. Regie führte der damals noch unbekannte Sydney Pollack. Der Film zeigt die originalen Live Aufnahmen mit den Reden des legendären Reverend James Cleveland, den mitreißenden Sängerinnen des Southern California Community Choir und dem elektrisiert tanzenden Publikum (u.a. Mick Jagger). Die fast spirituelle energiegeladene Atmosphäre des Events zwischen Konzert und Gottesdienst wird spürbar, während Aretha Franklin mit ihrer atemberaubenden Stimme alle in den Bann zieht. Der Film, der erst jetzt in Kinos kam, ist auch 48 Jahre nach seinem Entstehen ein Ereignis.

Was gewesen wäre

Start Donnerstag, 07.05.2020
Die frisch verliebte Mittvierzigerin Astrid (Christiane Paul) und ihr neuer Freund Paul (Ronald Zehrfeld) planen ihre erste gemeinsame Reise nach Budapest. Hier verbrachte sie, die in der DDR aufwuchs, einige Zeit. Als sie im Hotel (Gellert) jedoch unerwartet auf ihre Jugendliebe Julius und seinen Halbbruder Sascha trifft, kommen all die Erinnerungen an eine schöne jedoch schwierige Zeit auf. Gemeinsam mit ihrer Freundin Jana besuchte sie damals eine verbotene Künstlerparty, auf der sie Julius traf. Jana floh in den Westen ebenso wie Julius, der die Flucht eigentlich gemeinsam mit Astrid plante. Der Regisseur Florian Koerner von Gustorf, der u.a. Barbara und Jerichow unter der Regie von Christian Petzold produziert hatte, erzählt hier undramatisch von den Enttäuschungen und falschen Entscheidungen, der Frage nach Kampf und Resignation, damals wie heute mit Blick auf eine umgrenztes Ungarn.

Wajib

Sonntag, 16.02.2020, Matinée
„Wajib“ bedeutet so viel wie „Soziale Pflicht“ und dementsprechend gilt es nach palästinensischer Sitte als respektlos, wenn die Einladungen zu einer Hochzeit nicht persönlich durch die Männer der Familie überbracht werden. Daher reist der Architekt Shadi, der seit langem in Rom lebt, in seine Geburtsstadt Nazareth, denn seine Schwester heiratet. Zusammen mit seinem Vater Abu begibt er sich in einem klapprigen Volvo auf die Fahrt um 300 Einladungen an Verwandte und Freunde zu überbringen. Der Vater ist enttäuscht, dass der Sohn ins Exil gegangen ist, während der Sohn die Toleranz seines Vaters gegenüber den Israelis nicht akzeptiert. Fast kammerspielartig folgt die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir den Streitgesprächen von Vater und Sohn im Auto. Dabei werden die unterschiedlichen Standpunkte deutlich, die mit den Besuchen der Verwandten und Bekannten entsprechend mal die eine mal die andere Seite vertreten. Eindrucksvoll schildert Jacir die verschiedenen Lebensumstände und familiäre Konflikte. Nie jedoch bezieht sie Stellung. Am Ende kann und muss sich eben jeder selbst ein Bild machen.

Lara

Donnerstag, 06.02.20 bis Mittwoch, 12.02.20, täglich außer Montag um 17.15 Uhr; Montag um 20:00 Uhr
Nach seinem Erfolg (Oh, Boy) ist nun nach langer Zeit endlich der zweite Film von Jan-Ole Gerster erschienen. Er schildert anhand von einigen Episoden den sechzigsten Geburtstag von Lara, die nach einer Krankheit frühzeitig in den Ruhestand versetzt wurde. Von ihrem Mann lebt sie seit längerem getrennt, als Chefin war sie verhasst und ihr Sohn (Tom Schilling – Oh Boy) ist ausgezogen. Zu seinem großen Konzert mit eigenen Klavierkompositionen ist sie nicht eingeladen. Undiskutabel für die ehrgeizige Mutter, die selbst als Pianistin nicht punkten konnte. Kurzerhand kauft sie alle Restkarten und verschenkt sie an Verwandte und Bekannte. Doch das ist nicht ihr einziger Kampf an diesem Tag. Grandios wie Corinne Harfouche diese unbarmherzige, teils egozentrische, teils autistische, wenig sympathische Frau spielt. Jan-Ole Gerster gelingt es mit absurder Komik und zarter Melancholie ein geheimnisvolles Bild zu zeichnen. Atmosphärische und spannend bis zum Schluss

Ein Licht zwischen den Wolken

Donnerstag, 09.01.2020 bis Mittwoch, 15.01.20;täglich außer Montag um 17:15 Uhr; Montag um 20:00 Uhr
Der Hirte Besnik lebt mit seiner Familie in den albanischen Bergen. Als Moslem geht er zum Beten in die kleine alte Moschee. Dort entdeckt er unter dem Putz eine christliche Heiligenabbildung. Wie sich herausstellt wurde die Kirche bis 1450 von Christen genutzt, danach zeitweise sogar von beiden Konfessionen – undenkbar für das heutige Dorf. Besnik weiß um die verschiedenen Empfindungen und Verletzlichkeiten, da er täglich mit Schwierigkeiten einer religiösen Patchwork-Familie lebt. Die verstorbene Mutter praktizierte heimlich ihren Katholizismus, der pflegebedürftige Vater ist glühender Kommunist und die Schwester Muslima. Zu guter Letzt nimmt sein Bruder den orthodoxen Glauben an, um in Griechenland bessere Arbeitschancen zu haben. Doch alle kümmern sich um Besnik mit seinen psychischen Problemen. Und so ist er es, der dank seiner Erfahrungen, eine gewisse Autorität im Dorf besitzt. Der Film ist eine gelungene Parabel auf ein multireligiöses Zusammenleben mit allen Schwierigkeiten des Miteinanders. Ein aufrüttelnder und berührender Film mit wunderschönen Bildern der albanischen Berglandschaft.

Gelobt sei Gott

Sonntag, 19.01.2020, Matinée
Der gut situierte fünffache Familienvater Alexander lebt in Lyon, als er zufällig erfährt, dass der Priester von dem er 3 Jahre lang missbraucht wurde, immer noch mit Kindern arbeitet. Obgleich die Taten schon verjährt sind, gründet Alexander mit zwei weiteren Opfern, dem Atheisten François und dem Rocker Emmanuel, einen Verein „La Parole Libérée“ – das befreite Wort, um gegen das Schweigen an zu gehen und weiteren Opfern zu helfen. Gut recherchiert und ohne großes Pathos zeigt der Film, wie drei ganz unterschiedliche Menschen mit ihren Traumata umgehen; wie unterschiedlich die Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Familien sind; wie schwierig das Outing als Missbrauchsopfer ist und wie wenig selbstverständlich der Umgang damit ist. Umso wichtiger wird ihr gemeinsamer Widerstand gegen die katholische Kirche, die sich scheut, Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu ziehen. Der französische Starregisseur Francois Ozon (8 Frauen; Jung & Schön) hat hier, für ihn eher untypisch, ein nüchternes und dennoch mitreißendes Drama geschaffen. Auf der Berlinale erhielt er dafür den Silbernen Bären.

Bait

Sonntag, 15.12.2019, Matinée
Der britische Regisseur Mark Jenkin nutzt in seinem Debütfilm die Formensprache des frühen Tonfilms. Fast archaisch in grandiosen Schwarz-Weißbildern thematisiert er die Verdrängung der seefahrenden Arbeiterklasse in den Küstendörfern. Cornwall verspricht nur auf den ersten Blick die vollkommene Idylle. Die Brüder Steve und Martin können nicht mehr von der Fischerei leben und haben ihr Cottage längst an wohlhabende Engländer verkauft. Während Touristen den Ort überschwemmen, fristet Martin ein trostloses Dasein als Fischer ohne Boot. Sein Bruder bietet damit Ausflugsfahrten an und es dauert nicht lange bis die Lage eskaliert. Die Städter wollen eine ruhige Dorfidylle ohne Fischer, die Fischer Arbeit und ein Auskommen. Doch Geld regiert die Welt und Mark Jenkin bezieht klar Stellung. Seine Solidarität zeigt sich in subtilen und realistischen Bildern mit einer ganz eigenen Ästhetik.