Bait

Sonntag, 15.12.2019, Matinée
Der britische Regisseur Mark Jenkin nutzt in seinem Debütfilm die Formensprache des frühen Tonfilms. Fast archaisch in grandiosen Schwarz-Weißbildern thematisiert er die Verdrängung der seefahrenden Arbeiterklasse in den Küstendörfern. Cornwall verspricht nur auf den ersten Blick die vollkommene Idylle. Die Brüder Steve und Martin können nicht mehr von der Fischerei leben und haben ihr Cottage längst an wohlhabende Engländer verkauft. Während Touristen den Ort überschwemmen, fristet Martin ein trostloses Dasein als Fischer ohne Boot. Sein Bruder bietet damit Ausflugsfahrten an und es dauert nicht lange bis die Lage eskaliert. Die Städter wollen eine ruhige Dorfidylle ohne Fischer, die Fischer Arbeit und ein Auskommen. Doch Geld regiert die Welt und Mark Jenkin bezieht klar Stellung. Seine Solidarität zeigt sich in subtilen und realistischen Bildern mit einer ganz eigenen Ästhetik.

Parasite

Donnerstag, 05.12.2019 bis Mittwoch, 11.12.19, täglich um 19:30 Uhr
Der südkoreanische Regisseur Joon ho Bong bedient sich auch in seinem neuesten Film unterschiedlicher Genres um gesellschaftliche Missstände anzuprangern. Zunächst beginnt der Film wie ein Sozialdrama. Die Familie Ki lebt in prekären Verhältnissen in einer kleinen Wohnung im schimmeligen Tiefparterre. Sie halten sich mit dem Falten von Pizzakartons über Wasser, bis der Sohn Ki-Woo von einem Freund einen Job als Nachhilfelehrer bei der reichen Familie Park angeboten bekommt. Das ist der Beginn der Beziehung der Familien, denn bald macht sich die Familie Ki unentbehrlich. Der Vater chauffiert die Familie Park, die Mutter schmeißt den Haushalt und die Schwester kümmert sich um das Kind der Parks. Doch wer sind hier die Parasiten? Mit viel schwarzem Humor und Tempo entwickelt sich der Film immer mehr zum Thriller und zur Tragikomödie, die zunehmend ins Absurde abdriftet. Mit grandiosen Bildern schlägt der Film noch so manche Volten. „Am Ende sind Bongs Filme immer eins: Messerscharfe, genau beobachtete Satiren“. In Cannes bekam er dieses Jahr die Goldene Palme für seinen Film.

Tea with the dames

Sonntag, 24.11.2019 – Matinée
Weder ist der Film ein reiner Dokumentarfilm über ein britisches Kaffeekränzchen mit vier Damen im Alter von 85 Jahren aufwärts, noch wird wirklich Tee getrunken. Allein der Titel „Dame, Commander of the British Empire“ wurde allen vier Damen von der Queen für ihre schauspielerischen Leistungen verliehen. Eileen Atkins, Judi Dench, Joan Plowright und Maggie Smith verbinden eine langjährige Freundschaft. Seit 50 Jahren treffen sich die großen Schauspielerikonen zum Tee und tauschen ihre Erfahrungen, Erinnerungen über ihr Leben auf der Bühne und im Film (James Bond, Downton Abbey, Harry Potter) und ihre Arbeitskollegen und Ehemänner (Sir Laurence Oliver) aus. Mit viel Altersweisheit, Biss und Witz geben sie Anekdoten aus ihrem Leben preis und plaudern ungezwungen aus dem Nähkästchen. Der Regisseur Roger Michell hat ihren Charm und trockenen Humor wundervoll eingefangen. Amüsant und kurzweilig und very british.

Petting statt Pershing

Donnerstag, 03.10. – Sonntag, 5.10.19 täglich um 17:00 Uhr; Montag 6.10. bis Mittwoch,8.10 täglich um 19:45 Uhr.
Es ist Anfang der Achtziger Jahre. Die Grünen ziehen in den Bundestag ein und die 68er-Ideen erreichen die Provinz. Die siebzehnjährige pummelige Ursula lebt wohlbehütet in einem kleinen hessischen Dorf auf dem Land. Sie liebt Camus, ist neugierig und sie stellt unbequeme Fragen. Sei es, was die Vergangenheit des Großvaters im Zweiten Weltkrieg anbelangt oder was die eingeschlafen Ehe ihrer Eltern betrifft. Als der charismatische neue Lehrer Siegfried Grimm sich gegen Wettrüsten und Atomkraft engagiert und Kurse zur (weiblichen) „Selbstbefreiung“ anbietet, ist sie Feuer und Flamme und sehr verliebt. Doch bald stellt sich heraus, dass der „Weltverbesser“ eher ein Frauenheld ist. Aus Wut, Verletztheit und maßlose Enttäuschung sinnt sie nach Rache. Mit viel Situationskomik fängt der Film die bewegten Achtziger Jahre in der Provinz ein.

Synonymes

Donnerstag, 07.11.19 bis Mittwoch, 13.11.19, täglich um 19:30 Uhr
Kann man seine Vergangenheit und seine Heimat hinter sich lassen? Genau das versucht der junge Israeli Yao. Er will die traumatischen Erlebnisse seines Militärdienstes und der Perspektivlosigkeit seines Land entfliehen. Mit Wucht und Vehemenz sucht er, ständig französische Vokabeln deklamierend, eine neue Identität. Er strandet in Paris, wird ausgeraubt und von einem großbürgerlichen Ehepaar aufgenommen, das ihn auf seinem weiteren Weg unterstützt und begleitet. Immer wieder stößt er auf Israelis ganz unterschiedlicher Couleur, wie einem fanatischen Juden, der dem Islam den Kampf ansagt, einem Antisemitismuskämpfer oder aber jemand der Prügelorgien mit französischen Neonazis organisiert. Der Regisseur Nadav Lapid hat im Film eigene Erlebnisse verarbeitet und eine ungewöhnliche, schillernde, wilde und kraftvolle Kameraführung gefunden, die sehr eindrücklich den Versuch neu Fuß zu fassen illustriert. Der Film will irritieren und wagt viel. Dafür wurde er auf der Berlinale mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Leid und Herrlichkeit

Start am Donnerstag, 12.09.2019
Der Regisseur Pedro Almodovar erhielt dieses Jahr in Cannes den Ehrenpreis für sein Lebenswerk. In seinem neuen Film “Leid und Herrlichkeit” erzählt er die Geschichte seines Lebens. Ein alternder und zunehmend depressiver Regisseur blickt auf sein schillerndes und exzessives Leben zurück. Es wird die Kindheit in Valencia, Erinnerungen an die liebevolle Mutter (Penelope Cruz), erstes schwules Begehren, wilde Jahre in Madrid, große Erfolge und Verluste geschildert. Großartig, wie Antonio Banderas Almodovars Alter Ego einfühlsam und detaillegetreu spielt. Dafür wurde er dieses Jahr in Cannes für die beste schauspielerische Leistung ausgezeichnet. Der Film ist Almodovars persönlichster und eindrücklichster Film, in dem er wieder an die Intensität seiner frühen Filme anknüpft. Ein typischer Almodovar Film: intensiv, verrückt, leidenschaftlich und knallbunt mit einer neuen kontemplativ-nostalgischen Note.

Capernaum, Stadt der Hoffnung

Donnerstag, 02.05.2019 bis Mittwoch, 08.5.19, täglich um 19:30 Uhr
Der Film ist nach dem der biblische Ort Capharnaüm am See Genezareth benannt, der dem Wortsinn nach Chaos bedeutet. Der zwölfjährige Zain lebt in chaotischen Umständen, die er nicht schicksalsergeben akzeptieren möchte. in Rückblenden wird erzählt wie Zain in einer Großfamilie im Armenviertel von Beirut aufwächst. Als seine wenig ältere Lieblingsschwester an den Vermieter verkauft wird, läuft er von zuhause fort. Zunächst findet er Unterschlupf bei der jungen Äthiopierin Rahil und ihrem einjährigen Kind. Doch als Rahil wegen fehlender Ausweispapiere inhaftiert wird, wird der tägliche Überlebenskampf für Zain und das Baby lebensbedrohlich. Die libanesische Regisseurin Nadine Labaki hat in jahrelanger Arbeit mit Laiendarstellern vor Ort den Film entwickelt. Sie schildert nüchtern ohne Sentimentalität und Zynismus den ausweglosen Überlebenskampf jenseits von jeglichen Menschrechtskonventionen, in dem vor allem Kinder kaum eine Chance haben. In Cannes gewann der kluge und mehr als bewegende Film den Großen Preis der Jury und wurde mit Standing Ovations bedacht.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Donnerstag, 13.06.2019 bis Mittwoch, 19.06.19 täglich um 19:45 Uhr
In seinem neuen Film beschäftigt sich der Regisseur und Maler Julien Schnabel (Schmetterlinge und Taucherglocke, Basquiat) mit den letzten Jahren Van Goghs. Als dieser sich nach wenig erfolgreichen Jahren in Paris in der Provence niederlässt sucht er einen Neuanfang. Hier findet er im gleißenden Licht des Südens seine satten Farben der Sonnenblumen und Landschaften unter knallblauem Himmel. Doch auch hier trifft er auf Unverständnis und Ausgrenzung. Selbst der Besuch seines Freunde Paul Gauguin (Oscar Isaac) und die liebevolle Unterstützung seines Bruder Theo (Rupert Friend) können die dunklen Phasen seines Gemütszustandes nicht aufhalten. Mit seinem Blick als Künstler findet Julien Schnabel wunderschöne, ungewöhnliche und eindringliche Bilder. Vor allem aber die kongeniale Verkörperung Van Goghs durch Willem Dafoe machen das Ringen des mittellosen, verkannten Künstlers sichtbar, der von sich sagte: „Vielleicht bin ich ein Maler für Menschen, die noch nicht geboren sind

Das Haus am Meer

Donnerstag, 11.07.2019 bis Mittwoch, 17.07.19 täglich um 20:00 Uhr
Das Haus von Maurice steht in einer kleinen Bucht in den Felsen der Calanques bei Marseille. Es ist ein verlassenes Paradies. Sein Sohn Armand versucht das Familienrestaurant für die Verbliebenen der einst lebendigen Dorfgemeinschaft weiterzuführen, wo es mittlerweile lukrativer ist im Sommer an Touristen zu vermieten, als selbst dort zu wohnen. Neben einigen wenigen Fischern beleben patrouillierende Soldaten auf der Suche nach Bootsflüchtlingen den kleinen Hafen. Als Maurice einen Schlaganfall hat, treffen seine weiteren Kinder ein: Joseph, der ehemalige Gewerkschaftsführer und wenig erfolgreicher Autor mit junger Freundin und Angèle, eine mittlerweile bekannte Schauspielerin. Als Flüchtlingskinder auftauchen bekommt das Geschehen eine aktuelle Brisanz und Familiendynamik. Der französische Regisseur Robert Guédiguian thematisiert mit seinem Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Frage nach dem gesellschaftlichen und privaten Zusammenhalt. Mit seinem differenzierten und genauen Blick auf aktuelle Lebensumstände ist ihm ein feinfühliger, melancholisch, zeitlos schöner Film gelungen.

Wenn Fliegen träumen

Donnerstag, 08.08.2019 bis Mittwoch 14.08.19 täglich um 20:00 Uhr
Die depressive Hannah und die einsame Psychotherapeutin Nadja sind Halbschwestern und lernen sich erst nach dem Tod ihres Vaters kennen, der ihnen ein altes, rotes Feuerwehrauto und ein Haus in Norwegen vermacht hat. Nach Anfangsschwierigkeiten machen sie sich auf den Weg. Mit jedem weiteren Kilometer an Wodka und Tabletten und einem Spanier, der nach Finnland will, wird die Reise immer skurriler, denn Nadjas Therapiegruppe macht sich Sorgen und beschließt sie zu suchen. So begibt sich eine Gruppe gestrandeter Persönlichkeiten auf Verfolgungsjagd. Die Schauspielerin Katharina Wackernagl und ihr Bruder Jonas Grosch, die gemeinsam das Drehbuch schrieben, zeigten den Film, der ohne jegliche Filmförderung entstand, zur Premiere letztes Jahr auf den Hoferfilmtagen. Das komödiantische Roadmovie sprüht vor kuriosen Einfällen. Hier ist der Weg das Ziel. Ein bisschen lakonischer Kaurismäki, magisch- phantastischer Bulgakov und viel Spaß an schrägen Charakteren und wenn dann noch Fliegen träumen…